Sonntag 15-18 Uhr (27.12.26 und 03.01.27 geschlossen)
Yohanne Lamoulère gehört zu den prägendsten Stimmen der französischen Dokumentarfotografie. Ihre Arbeit ist seit Jahrzehnten eng mit Marseille verwoben, wo sie lebt und die urbanen Peripherien porträtiert. Im Zentrum stehen abgelegene Stadtteile wie das 15. und 16. Arrondissement, in denen sich soziale Ungleichheit, politische Vernachlässigung und städtebauliche Ausgrenzung im Wandel und Verfall urbaner Räume manifestieren. An der Schnittstelle von Dokumentation und Inszenierung erzählen ihre Fotografien von Menschen, deren Widerstand, Selbstbehauptung und rebellische Poesie von einer unbeugsamen Lebenskraft zeugen – und die einem vermeintlich abgehängten Ort Schönheit verleihen.
Diese Perspektive auf die Stadt und ihre Bewohner setzt Lamoulère auch in der Serie Gyptis & Protis fort, in der sie den antiken Gründungsmythos von Marseille aufgreift. Der Legende nach entstand die Stadt aus der Verbindung der ligurischen Prinzessin Gyptis mit dem griechischen Seefahrer Protis. Lamoulère überträgt diese Erzählung in die Gegenwart und porträtiert Jugendliche aus den oft stigmatisierten Randbezirken. Ihre Fotografien erzählen von Begegnungen, erster Liebe und dem Erwachsenwerden, von der Suche nach Identität und Zugehörigkeit in einer vielfältigen Gesellschaft, die das Wesen Marseilles bis heute prägt.
Yohanne Lamoulère (geb. 1980 in Nîmes) ist eine französische Fotografin und Regisseurin. Nach ihrer Jugend auf den Komoren schloss sie 2004 ihr Studium an der École nationale supérieure de la photographie in Arles ab. Sie lebt und arbeitet in Marseille, dem Herzstück ihres visuellen Schaffens. Lamoulère ist Mitglied des Fotografenkollektivs Tendance Floue sowie des Kunstkollektivs Zirlib. Neben prämierten Fotobüchern wie Faux Bourgs (2018) erweiterte sie ihr Werk 2025 als Stipendiatin der Villa Albertine in den USA und mit ihrem ersten Film L’œil Noir