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Der Jatho-Kreis im Haus der Moltkestraße 8
Vor hundert Jahren: Vortragsabende 
im Kriegswinter 1916/17

Donnerstag, 12. Januar 2017, 20 Uhr (Einlass 19 Uhr) 


Seit den 1980er Jahren wird das Haus an der Moltkestraße 8 in Köln mit Kunst und Kultur assoziiert. Hier wurde 1981 die Moltkerei Werkstatt im Hinterhaus eröffnet, ein Ausstellungsraum für performative Künste, in dem bis heute insbesondere auch junge Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten präsentieren; hier war aber auch das international renommierte Musik-Ensemble Sequentia von 1977 bis 2005 ansässig.

Bei den Recherchen zur Geschichte ihres Hauses fanden die heutigen Bewohner durch Zufall heraus, dass das 1914 erbaute und heute noch erhaltene Haus bereits vor hundert Jahren ein wichtiger Ort der Auseinandersetzung mit Kunst, Philosophie und Literatur war. Von 1916 bis 1919 wohnte nämlich das junge Ehepaar Jatho in der Dachwohnung des Hauses und lud im Kriegswinter 1916/17 zu halböffentlichen Vortrags- und Diskussionsabenden in ihre Wohnung ein, bei denen sich ein Großteil der Kölner Intellektuellen und Kriegsgegner versammelte. Zum Kreis gehörten unter anderen die Künstler Franz W. Seiwert, Franz Nitsche, Angelika und Heinrich Hoerle, Marta Hegemann und Anton Räderscheidt, Gerd Arntz, Otto Freundlich und August Sander, die später als Kölner Progressive in die Kunstgeschichte eingingen.

Der Publizist und Kunsthistoriker Carl Oskar Jatho (1884–1971), im Herbst 1916 aus dem Militärdienst entlassen, wollte gemeinsam mit seiner Frau „die Spanne seiner wiedergewonnen, vermutlichen kurzen Freiheit“ für Vortragsabende zu philosophischen, literarischen und kunsthistorischen Themen nutzen. Käthe Jatho-Zimmermann (1891–1989) veröffentlichte bereits seit 1915 als Schriftstellerin unter dem Pseudonym Karl Zimmermann. Die Gäste der alle 14 Tage stattfindenden Abende waren sich einig in ihrer Gegnerschaft zur Grausamkeit des Krieges. Gemeinsam lasen sie aus verschiedenen Werken: vom Gilgamesch-Epos über die Dichtungen Homers zum Johannes-Evangelium, von Tolstoi und Nietzsche zu Karl Marx und Rosa Luxemburg. Die Philosophien u.a. Kants und Hegels wurden gemessen an den Erfahrungen der Zusammengehörigkeit und der Ablehnung des Krieges. (Uli Bohnen, 1978)

Käthe Jatho-Zimmermanns Vortrag über den „damals noch sehr jungen Expressionismus“ fand gemäß den Erinnerungen ihres Mannes großes Interesse und leidenschaftliche Befassung in der Kölner Kunstszene. Gezeigt wurden dabei auch ausgeliehene Grafiken von Kandinsky, Marc, Feininger, Kirchner, Heckel und Lehmbruck. (Jatho, 1964)

Im Frühjahr 1919 zogen die Jathos mit ihrem zweijährigen Sohn Kurt ins abgelegene Kalltal in der Eifel und gründeten dort die Kalltalgemeinschaft. In Simonskall bewohnten sie mit wechselnden Freunden der Kölner Kunstszene das dortige Junkerhaus und konzentrierten sich auf das Vorhaben, freier zu leben und zu arbeiten und mit einer einfachen Druckpresse die sogenannten Kalltalschriften herauszugeben.

Am 12. Januar 2017 möchten die heutigen Bewohner des Hauses gemeinsam mit der Moltkerei Werkstatt an die Treffen des Jatho-Kreises im Winter 1916/17 erinnern. Nach kunsthistorischen Einführungen u.a. von Franz Tiedtke, langjähriger künstlerischer Leiter des Junkerhauses Simonskall, werden die heutigen Bewohner und Freunde des Hauses den Abend mit eigenen künstlerischen Beiträgen gestalten.

Ein Abend der Begegnung über ein Jahrhundert hinweg.